Pflücke den Tag!
Pflücke den Tag!
Auf dem Kalender ist der Frühling angesagt und mein Blick nach draußen bestätigt es: Frische Farben und aufblühendes Leben in der Natur haben endgültig den Grauschleier des Winters verdrängt. Mein Rasen ist von unzähligen Gänseblümchen übersät, was spontan Bilder in meiner Erinnerung aufleben lässt. Ich sehe mein Kleinkind auf mich zukommen, mit geheimnisvollem Blick, eine Hand hinter dem Rücken. Dann mit strahlendem Gesicht verkündend: „Ich hab was für dich, ein Geschenk!“ Und ein Gänseblümchen wurde mir gereicht, mit knappem Stielchen, aber mit strahlender Blüte, frisch gepflückt für mich. Ich selber hatte als Kind mit Wonne auf der Wiese die Schlüsselblumen gepflückt, die sich mit ihren geraden Stängeln so gut als Sträußchen in der Hand halten ließen.
Blumen pflücken - eine Selbstverständlichkeit. Aber – „Pflücke den Tag!“, wie der Titel des von mir liegenden Bild Bändchens von Bickel/Steigert mich auffordert, macht mich erst stutzig. Doch schnell breitet sich vor meinem inneren Auge das Bild eines Blütenteppichs aus, meine Lebenswiese, bestückt mit unzähligen Blumen, mir angeboten, sie zu pflücken.
Mein Blick fällt auf das Deckblatt des erwähnten Büchleins und ich sehe eine Mohnblüte in einem grünen Ährenfeld. Ihr leuchtendes Rot ist für uns Symbol für Liebe, Freude, aber auch für Leid und Krieg. Die zarten Blütenblätter lassen Verletzlichkeit erahnen und erinnern an die Vergänglichkeit des Lebens. Aber auch Stolz und Stärke scheinen wir erkennen zu können, wenn wir die roten Blüten auch auf kargen Boden und in unansehnlichen Ecken entdecken. Sie scheinen uns ermutigen zu wollen, die guten Momente im Alltag aufzuspüren und zu genießen, was uns belastet und ängstigt als Teil des Lebens anzunehmen, uns aber nicht davon beherrschen zu lassen.
All das prägt uns, lässt uns reifen und auch ahnen, was Jesus mit der Erfahrung der „Fülle des Lebens“ meint, die denen zugesagt ist, die auf seine Worte hören. Über hunderte mal - so haben wohl Spitzfindiges ausgezählt - soll in der Bibel zu lesen sein: „Freuet euch!“
Wir sind also zur Freude berufen - das ist auch die Botschaft, die Jesus verkündet.
Vor über 2000 Jahren hat auch der römische Dichter Horaz - in Anbetracht der Kürze und Vergänglichkeit des Lebens - den Vers geprägt: „Carpe Diem!“, in der Sinnerschließung übersetzt: „Ergreife den Tag und genieße ihn!“ So aktuell wie damals sollten wir uns auch heute immer wieder bewusst machen, wie kostbar das Leben ist, ein Geschenk, jeder Tag uns neu gegeben, zu gestalten und zu genießen, ihn zu meinem Tag zu „meiner Blüte“ werden zu lassen, die, „gepflückt“ mich erfreut und prägt.
Beeindruckt hat mich in diesem Zusammenhang auch die Aussage eines Arztes in seiner Abschlußrede am Ende eines Ärztetages in Trier. „Die Menschen sterben nicht wegen einer bestimmten Krankheit, sondern weil sie die Chance hatten zu leben.“
Elfriede Klar
Lehrerin im Ruhestand - Esch
