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Ein Plädoyer für das Beten

Datum:
14. März 2026
Von:
Peter Klauer

Ein Plädoyer für das Beten

 

Es ist zum Verzweifeln. Wir Menschen scheinen nichts dazuzulernen. Krieg, Tod und Zerstörung prägen den Umgang miteinander. Junge Menschen ziehen in der Ukraine in den Krieg und sterben. Drohnenschwärme vernichten ganze Stadtteile in Kiew und Beirut. In Tel Aviv fallen Bombentrümmer in Wohngebiete. Die Welt scheint aus den Fugen zu geraten. Wo ist da Gott, wie kann er so etwas zulassen?

Unzählige Bitten um Frieden werden in dieser Zeit an ihn gerichtet. Man fragt sich schon, ob Gott überhaupt zuhört und ist enttäuscht, dass sich nichts ändert. Heißt es nicht in der Bibel: „Bittet, dann wird euch gegeben; suchtet dann werdet ihr finden; klopft an, dann wir euch geöffnet“ (Mt.7,7)?

So einfach scheint es unserer Erfahrung nach leider nicht zu sein. Gott ist keine Wunschbox, die auswirft, was ich mir wünsche – so berechtigt mein Wunsch auch zu sein scheint. Gott ist unverfügbar.

Ist Beten dann sinnlos, verfehlen Gebete ihre Wirkung? Wozu dann noch beten, wenn doch alles beim Alten bleibt?

Es gibt eine Passage in Michael Endes Roman Momo, die meines Erachtens genau beschreibt, was beim Beten passiert: „Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. … Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose und unentschlossene Leute auf einmal ganz genau wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der eben schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Art für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“ (aus: Michael Ende, Momo, Stuttgart 1973, 15f)

Diese Erfahrung mache ich im Gebet. Indem Gott mir zuhört, mich mit meinen Bedürfnissen, Hoffnungen und Ängsten wahrnimmt, verändere ich mich und meine Einstellung und kann mich neu ausrichten. Im Gebet ändere ich nichts an der Wirklichkeit, doch mein Verhältnis zu ihr. Die Welt bleibt die gleiche, doch ich selbst werde ein anderer.

Ein wunderbares Gebet beginnt mit der Bitte „Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens, das ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert, dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt.“ Gebete verändern nicht die Welt. Sie verändern mich und damit doch auch die Welt.

Peter Klauer

Dekan Pastoraler Raum Bernkastel-Kues