Ein Influencer aus Bethlehem?
„Noch 100 Meter, dann links abbiegen!“ Wir alle kennen die Stimme aus dem Navi, die uns den Weg an unser Ziel zeigt. Sie ist sicherlich eine Orientierungshilfe – aber sie sagt uns immer nur das, was als Nächstes zu tun ist. Das übergeordnete Ziel, die Richtung, die Folge weiterer Stationen auf unserem Weg dorthin, erfahren wir auf diese Weise nicht. Fällt das Navi aus, steht man hilflos da, ist orientierungslos. In den Social Media hören, lesen und sehen wir täglich, ja oft stündlich, was der neueste Trend ist, was man tun muss, um dazu zugehören. Influencer prägen wie ein Navi die Entscheidungen von Millionen Followern, die unreflektiert übernehmen, was jemand gerade verbreitet. Influence heißt: Beeinflussen. So viele Menschen lassen sich heutzutage beeinflussen, folgen kurzlebigen Trends oder essen plötzlich epedemie-artig Pudding mit Gabeln, weil einer das gepostet hat und es viral geht. Das alles, obwohl wir die Fähigkeit geschenkt bekommen haben, selbst zu denken - aus unserem Wissen, aus unseren Fähigkeiten, unseren Erfahrungen und aus unserer Intuition heraus. So können wir doch eigentlich unbeeinflusst – gleich im doppelten Sinne – selbst-bewusste Entscheidungen treffen.
Ich habe den Eindruck, viele Menschen verlieren mehr und mehr die Fähigkeit, drei Schritte weiter zu denken und auch den Überblick, welche Konsequenzen ihre zu kurz gedachten Worte und Taten mittel- und langfristig haben werden. Wird es nicht höchste Zeit, dass wir wieder darüber nachdenken, welches langfristige Ziel verfolge ich eigentlich selbst? Und rückt dieses Ziel auch das Miteinander und Füreinander der Menschen in den Blick, ist mir Empathie und Mitmenschlichkeit im Alltag wichtig, statt nur meinen eigenen Vorteil im Mittelpunkt zu sehen?
In diesen Tagen des Advents können wir unser Leben neu ausrichten und unsere eigenen persönlichen Ziele neu definieren – vielleicht ausgerichtet an dem, der im Stall zu Bethlehem geboren wurde und der uns eine Botschaft mit auf unseren Weg gegeben hat: Die gelebte Nächstenliebe. Er kann aus meiner Sicht gerne ein Influencer sein, der uns selbst denken und entscheiden lässt, aber unseren Blick weitet für seine Botschaft, die den Kern des Menschseins ausmacht.
Rainer Martini
Caritasverband Mosel-Eifel-Hunsrück e.V.
